authentische Morgen-Gedanken

Gestern morgen, nachdem mich die Sonne wieder einmal früh aus dem Bett gelockt hat, saß ich inmitten meiner Papierpoesie, an dem Platz in unserem Wohnzimmer, der genau dafür geschaffen wurde…

Gerade gestalte ich aus einem sehr alten Buch ein Neues. Zwischen meinem Haufen aus schönem Papier den Tag zu beginnen, finde ich ganz herrlich. Beim Durchstöbern meiner bereits gesammelten Worte und Zitate, landete ich bei diesem:

 

„Authentisch sein heißt, dass du dir in jedem Moment deines Lebens selbst treu bleibst.“

 

Dieser Satz sprach mich total an und ich versuchte einen Platz in meinem Buch für diesen Satz zu finden.

Je öfter ich diesen Satz las, umso mehr Fragezeichen entstanden dazu in meinem Kopf.

  • Ist dies wirklich mein Verständnis von Authentizität?
  • Kann ich mir wirklich in jedem Moment meines Lebens selbst treu bleiben?
  • Und wenn ja, was „kostet“ es?
  • Was genau heißt es eigentlich mir selbst treu zu sein?

Daraus entstand ein Widerstand in mir. Und immer, wenn ein Widerstand in mir laut wird, dann weiß ich, es ist gut nochmal hin zu fühlen und in mich hinein zu schauen. Und in diesem Fall, zu versuchen vielleicht Antworten zu finden, auf diese Fragen.

 

Ich fand heraus, dass ich sicher in vielen Situationen in meinem Leben authentisch gehandelt habe, d.h. mir selbst treu war. Aber bestimmt nicht immer. Und dennoch bezeichne ich mich durchaus als einen authentischen Menschen. Die Momente/Situationen in denen ich mir nicht treu sein konnte, waren die, in denen ich ängstlich und unsicher wurde. Da war/ist diese Angst, was ist, wenn ich mich wirklich ganz zeige und nicht alle Menschen in meinem Umfeld mögen dieses Ganze?

Da ist diese emotionale "Gefahr" des abgelehnt werdens, die in mir laut wurde und manchmal noch wird.

Das Gefühl, es geht nicht so gut ohne die Zustimmung von bestimmten Menschen. So habe ich mich manches Mal dafür entschieden, mir selber nicht treu zu sein, weil ich wusste oder dachte, dass ich mit den menschlichen Konsequenzen nicht leben könnte. Ablehnung, Schuldverschiebungen, Vorwürfe, Selbstbetrug,...

 

In der Rückschau weiß ich auch, dass es Situationen in meinem Leben gab, in denen ich wusste, dass was ich da mache, damit verlasse ich mich selber – bin mir also nicht treu. Denn ich habe meine innere Stimme damals überredet, den Mund zu halten. Heute weiß ich, daraus ist das Beste, was mir je passieren konnte entstanden.

Und dennoch brauchte es eine Weile mit dieser Untreue mir selber gegenüber wieder gut zu werden. Ich musste verstehen, was in mir passiert war. Dann durfte ich es fühlen in all seinen Facetten. Um dann zu spüren, vielleicht ist genau DAS authentisch sein. Mir mein Leben anzugucken und zu verstehen, wieso, warum, weshalb, ich bin, wie ich bin und dazu gehört auch, mal kurz untreu zu sein. Zu fühlen, was diese Untreue mit mir gemacht hat, um dann eine noch größere Treue zu mir aufbauen zu können.

Vielleicht ist Authentizität eben auch sehen zu können, dass wir uns nicht in jedem Moment unseres Lebens selber treu sein können. 

 

Die Zustimmung von anderen ist für jeden Menschen existentiell …. Liebe, gesehen werden, gehört werden. Manchmal gibt es Situationen, in denen wir mehr Wert auf die Zustimmung von anderen legen, als auf unsere eigene Zustimmung zu uns. In Kindertagen, ist dies äußerst sinnvoll, denn dies sichert das emotionale Überleben von Kindern. Als der Kindheit er-wachsener Mensch, hinterlässt dieses Gefühl, von der Zustimmung anderer abhängig zu sein, häufig einen faden Beigeschmack. Wenn wir es dann schaffen, die Treue zu uns selbst, vor die Zustimmung anderer zu stellen, entsteht eine Freiheit in uns, die es meiner Erfahrung nach ermöglicht, noch klarer zu werden. Die es möglich macht, dass wir unser Leben leben, authentisch nach unseren Werten, ohne Angst vor Ablehnung. Denn es wird immer Menschen geben, die uns lieben – genau so. Und es wird die Menschen geben, die uns lieben, aber aufgrund ihrer eigenen Geschichte, nicht zustimmen können. Und es gibt die Menschen, die uns weder lieben, noch finden sie uns gut und stimmen auch überhaupt nicht zu.

All das ist ok und darf sein, und egal wie, wir dürfen die Treue zu uns selbst, vor die Treue zu anderen stellen. Denn es gibt nur einen Menschen mit dem wir selber es immer gut haben sollten – und das sind wir selbst.

 

Je mehr ich es gut mit mir und in mir habe, und dieser Prozess läuft sicher nicht ohne Schmerz und Trauer, desto mehr entfaltet sich und ich fühle, dass Authentizität für mich nichts Starres ist. Es ist Veränderung, es sind Verirrungen und Wirrungen. Es ist neue Klarheit und es ist das Leben. Manches was sich vor nicht allzu langer Zeit noch richtig anfühlte, tut es heute nicht mehr. Meine Werte und Überzeugungen haben Nuancen bekommen, sie haben sich verändert. Manche sind klarer geworden. Andere in den Vordergrund gerückt.

Es gab viele Situationen in meinem Leben, in denen ich sehr authentisch war und mit einer großen Klarheit mir selber treu gewesen bin. Das sind bis heute Kraftquellen, für die Zeiten, in denen ich fühle, ich sollte x machen, doch ich habe Angst oder Sorge vor Y. Dann ist das auch so. Schon, dass fühlen dieses Konfliktes fühlt sich in mir sehr authentisch an.

So habe ich über den Satz nachgedacht und entschieden, dass er in dieser Form nicht in meinem Papierpoesie-Buch landet. Für mich scheint er wie folgt stimmiger zu sein:

 

Authentizität ist die Freiheit, sich auch mal nicht treu sein zu dürfen und daran zu wachsen.

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